BASTELN IST EIN DOOFES WORT | kolumne

Auf dem Weg zur SWR-Sendung "Kaffee oder Tee" im Mitarbeiter-Sammeltaxi. Nachdem ich mich als Gast geoutet habe, folgt die unvermeidliche Frage: "Und zu welchem Thema sprechen Sie?" "Genau genommen bastle ich heute eine Weihnachtskrippe." Eine kurze, aber auffällige Pause, gefolgt von einem nebulösen "Ah ja." Zugleich die letzte Äußerung auf der insgesamt zehnminütigen Weiterfahrt.

In der Bastelbredouille
Ich hätte gerne noch ergänzt, dass es besser wird, als es sich anhört. Dass ich von der Idee überzeugt bin und dass das Ergebnis auf keinsten Fall selbstgemacht aussieht. Gleichzeitig war mir klar, mit dem Wort "basteln" habe ich das zarte Band unserer kleinen Fahrgemeinschaft zerschnitten. Später gesteht mir der Regisseur flüsternd, hinter vorgehaltener Hand, dass er diese ganzen Basteleien für Staubfänger hält. Ich nicke verschwörerisch. Ich doch auch.

Seien wir ehrlich, Basteln, das ist für die meisten mehr oder weniger sinnfreie Beschäftigung gelangweilter Hausfrauen oder selbstgestrickter Neuzeit-Hippies. Das unvermeidliche Ergebnis redlich bemühter Werkeleien: Klimbim, Kruscht, Krimskram, den keiner braucht, nicht mal der Umsonstladen. Es klingt schlimm und das ist es manchmal leider auch! Aber selbst wenn man nicht in der Abteilung für überflüssige Scheußlichkeiten tätig ist, steckt man fortwährend in dieser Bastelbredouille.

Alternativlos und falsch dosiert
Wie sehen also die Alternativen aus? "DIY" ist kurz und knackig, aber eine ausgesprochene Katastrophe. Die Ei Wei – das hört sich schwer nach der Schwester eines chinesischen Konzeptkünstlers an oder nach den unverständlichen Lauten, mit denen man Babys gerne anspricht; nur nicht nach dem, was es ist: Kreativsein mit Qualität. Aber auch die Kreativität versagt, wenn es ums eigentliche Machen geht. Hätte ich damals gesagt "ich kreiere heute eine Weihnachtskrippe" oder "ich spreche nicht, ich bin kreativ", hätten sicher alle gedacht, die zündet erst mal energetische Räucherstäbchen an und tanzt dann zu Jimi Hendrix um einen Batikeimer.

Fragt man jemanden, der sich mit Wörtern auskennt, wird die Sache deutlicher, aber nicht besser. Der Duden erklärt zu "basteln" Folgendes:

1. sich [in der Freizeit] aus Liebhaberei mit der handwerklichen Anfertigung verschiedener kleiner Dinge beschäftigen
2. durch kleinere Handwerksarbeiten [als Hobby] herstellen, [nach eigenen Ideen] anfertigen

Zucke nur ich bei all der Kleinmacherei zusammen? Wenn schon der Duden mit beruflichen Bastlern und solchen mit Ambitionen überfordert ist, was soll man dann vom Rest der Gesellschaft erwarten? Mögliche Synonyme für "basteln" reichen denn auch von "erschaffen" über "fabrizieren" bis hin zu "frickeln" und "friemeln". Das ist ein bisschen wie falsch dosiertes Viagra: Zu viel wird der Sache nicht mehr gerecht, zu wenig verdirbt den ganzen Spaß.

Die Bedeutung macht's
Tatsächlich aber bringt es der Duden mit seinen schiefen Erklärungsversuchen so ziemlich auf den Punkt: Es gibt für das neue Kreativsein kein adäquates Wort! Oder andersherum, es gibt für das, was ich, viele andere Blogger und auch unsere Leser machen, keine adäquaten Vorstellungen. Bisher. Denn ich arbeite daran. Wenn schon nicht an der Bezeichnung, dann immerhin an der Bedeutung. In diesem Sinne: Ich bin dann mal basteln...

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Freitag, 11. Mai 2018

BASTELN IST EIN DOOFES WORT | kolumne

Auf dem Weg zur SWR-Sendung "Kaffee oder Tee" im Mitarbeiter-Sammeltaxi. Nachdem ich mich als Gast geoutet habe, folgt die unvermeidliche Frage: "Und zu welchem Thema sprechen Sie?" "Genau genommen bastle ich heute eine Weihnachtskrippe." Eine kurze, aber auffällige Pause, gefolgt von einem nebulösen "Ah ja." Zugleich die letzte Äußerung auf der insgesamt zehnminütigen Weiterfahrt.

In der Bastelbredouille
Ich hätte gerne noch ergänzt, dass es besser wird, als es sich anhört. Dass ich von der Idee überzeugt bin und dass das Ergebnis auf keinsten Fall selbstgemacht aussieht. Gleichzeitig war mir klar, mit dem Wort "basteln" habe ich das zarte Band unserer kleinen Fahrgemeinschaft zerschnitten. Später gesteht mir der Regisseur flüsternd, hinter vorgehaltener Hand, dass er diese ganzen Basteleien für Staubfänger hält. Ich nicke verschwörerisch. Ich doch auch.

Seien wir ehrlich, Basteln, das ist für die meisten mehr oder weniger sinnfreie Beschäftigung gelangweilter Hausfrauen oder selbstgestrickter Neuzeit-Hippies. Das unvermeidliche Ergebnis redlich bemühter Werkeleien: Klimbim, Kruscht, Krimskram, den keiner braucht, nicht mal der Umsonstladen. Es klingt schlimm und das ist es manchmal leider auch! Aber selbst wenn man nicht in der Abteilung für überflüssige Scheußlichkeiten tätig ist, steckt man fortwährend in dieser Bastelbredouille.

Alternativlos und falsch dosiert
Wie sehen also die Alternativen aus? "DIY" ist kurz und knackig, aber eine ausgesprochene Katastrophe. Die Ei Wei – das hört sich schwer nach der Schwester eines chinesischen Konzeptkünstlers an oder nach den unverständlichen Lauten, mit denen man Babys gerne anspricht; nur nicht nach dem, was es ist: Kreativsein mit Qualität. Aber auch die Kreativität versagt, wenn es ums eigentliche Machen geht. Hätte ich damals gesagt "ich kreiere heute eine Weihnachtskrippe" oder "ich spreche nicht, ich bin kreativ", hätten sicher alle gedacht, die zündet erst mal energetische Räucherstäbchen an und tanzt dann zu Jimi Hendrix um einen Batikeimer.

Fragt man jemanden, der sich mit Wörtern auskennt, wird die Sache deutlicher, aber nicht besser. Der Duden erklärt zu "basteln" Folgendes:

1. sich [in der Freizeit] aus Liebhaberei mit der handwerklichen Anfertigung verschiedener kleiner Dinge beschäftigen
2. durch kleinere Handwerksarbeiten [als Hobby] herstellen, [nach eigenen Ideen] anfertigen

Zucke nur ich bei all der Kleinmacherei zusammen? Wenn schon der Duden mit beruflichen Bastlern und solchen mit Ambitionen überfordert ist, was soll man dann vom Rest der Gesellschaft erwarten? Mögliche Synonyme für "basteln" reichen denn auch von "erschaffen" über "fabrizieren" bis hin zu "frickeln" und "friemeln". Das ist ein bisschen wie falsch dosiertes Viagra: Zu viel wird der Sache nicht mehr gerecht, zu wenig verdirbt den ganzen Spaß.

Die Bedeutung macht's
Tatsächlich aber bringt es der Duden mit seinen schiefen Erklärungsversuchen so ziemlich auf den Punkt: Es gibt für das neue Kreativsein kein adäquates Wort! Oder andersherum, es gibt für das, was ich, viele andere Blogger und auch unsere Leser machen, keine adäquaten Vorstellungen. Bisher. Denn ich arbeite daran. Wenn schon nicht an der Bezeichnung, dann immerhin an der Bedeutung. In diesem Sinne: Ich bin dann mal basteln...

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3 Kommentare:

Am/um 11. Mai 2018 um 16:44 , Blogger Sabine S. meinte...

Du liebe,
über das "Basteln" mache ich mit auch meine Gedanken - deine Einschätzung oben kann ich nur bestätigen. Ich bezeichne meine Arbeiten für mich als künstlerische Arbeit - weil ich finde, daß es durchaus "Arbeit" ist und künstlerisch dazu. Nur daß es meist mehr Spaß macht als die "Broterwerbs-Arbeit" ;)
♡liche Grüße von
Sabine aus WO(rms)

 
Am/um 11. Mai 2018 um 23:06 , Blogger Karin Lechner meinte...

Bravo, was für ein Text! Ja, du bringst es ziemlich auf den Punkt. (*gngngn*) Ich bin ja schon froh, dass ich auch gerne mal "upcycle" ... ähem ... aber das klingt immerhin ein klein wenig besser als 'basteln' (*hust*). Aber weißt du, was ich gaaaanz schlimm finde? Wenn meine Arbeitskollegen mich liebvevoll mit "Basteltante" titulieren. Boah, das geht mir durch und durch; und das Lächeln fällt mir schwer dabei. Vielleicht wird ja bald ein passendes Wort dazu erfunden. Kreavieren. Kunsttun. Flow-arbeiten. (*schenkelklopf*)

 
Am/um 12. Mai 2018 um 08:23 , Blogger Unknown meinte...

Bravo!

 

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